Brünner Architekturmanual

 
 
 

Gebäude

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Zemědělská 1686/30 (Černá Pole) Brno Sever

Öffentlicher Verkehr: Zemědělská (TRAM 9, 11)

GPS: 49°12'38.051"N, 16°37'8.806"E

 

Architekt

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Im Jahre 1927 entwarf der Architekt Josef Kranz für Josef Špunar ein Wohnhaus mit Café. Der junge Absolvent der Fakultät für Architektur der Tschechischen technischen Hochschule ging von seinen Kenntnissen der zeitgenössischen holländischen Architektur aus, insbesondere von den Grundsätzen der avantgardistischen De Stijl-Bewegung. Diese Künstlerplattform, die 1917 vom Architekten J. J. Pieter Oud und dem Maler Theo van Doesburg gegründet worden war, strebte den Ausdruck natürlicher Manifestationen von Natur und Mensch mithilfe elementarer Formen an, die auf Horizontalen und Vertikalen sowie auf den Grundfarben (weiß, schwarz, gelb, rot, blau) beruhen. In der Architektur und der Malerei manifestierten sich diese Ideen in abstrakten Kompositionen rechtwinkliger Formen und beeinflussten in hohem Maße die weitere Entwicklung der Architektur in Richtung Funktionalismus. Das Haus wird hier als System von Flächen verstanden, die einander rechtwinklig durchschneiden und sich zum Außenraum hin öffnen.
In den Jahren 1924–25 entstand in Rotterdam nach Ouds Entwurf das Kaffehaus De Unie, deren Straßenfassade von einer geometrischen Komposition aus Fenstern und farbigen Flächen gebildet wird. Von einem ähnlichen Konzept ging auch Josef Kranz in seinem Entwurf des Cafés Era aus, dessen Stirnseite durch eine minimalistische Komposition mehrerer Fenster-Typen und der Aufschrift des Cafés gegliedert ist. Anhand der großflächigen Schaufenster lassen sich die Räumlichkeiten des Cafés im Erdgeschoss und im ersten Stock erkennen. Darüber befindet sich das Bandfenster des Wohnzimmers der Bauherrenfamilie. In diese privaten Räumlichkeiten im zweiten Stock gelangt man über ein Treppenhaus, dessen Glasbetonfenster auf der rechten Seite die einzige vertikale Linie der Fassade darstellt. Im Raum des mit Thonet-Möbeln eingerichteten Cafés im Erdgeschoss dominiert die dynamisch geformte Wendeltreppe. Dieses Element, das den Standpunkten der De Stijl-Bewegung entspricht, ersetzt eine künstlerische Dekoration des Innenraums ebenso wie die benutzten Farben der Wände (hellblau und weiß) und der Böden (roter Xylolith), da die Rolle abstrakter Kunstwerke vom architektonischen Raum selbst übernommen wird. Seine Öffnung und Verschmelzung mit dem Außenraum wird von den Dachterrassen in allen Stockwerken an der Gartenfassade gewährleistet.
Der zweite Weltkrieg hinterließ im Wesentlichen keine Spuren am Haus; erst nach dem kommunistischen Umsturz wurde es beschlagnahmt und in eine Bierstube umgebaut, die von der Verwaltung der Restaurants und Kantinen des Stadtteils Brno II betrieben wurde. Schwerwiegendere Eingriffe in die Gestalt des Hauses nahm in den 70er und 80er Jahren der nächste Besitzer – die Landwirtschaftliche Hochschule – vor, obwohl das Objekt im Jahre 1977 zum Kulturdenkmal erklärt worden war. Eine kritische Situation, die die Existenz des Gebäudes selbst gefährdete, stellte sich jedoch erst nach 1989 ein, als das Haus den Erben zurückgegeben wurde. Diese bemühten sich zwar, seinen ursprünglichen Zustand wiederherzustellen, doch die unkoordinierte Leitung der Bauarbeiten durch eine unzuverlässige Firma, die unsachgemäße Aufsicht durch das Denkmalamt und der Mangel an finanziellen Mitteln führten zu einer statischen Gefährdung des unvollendeten und ungeheizten Baus. Nach mehreren Jahren des Verfalls gelang es endlich einen geeigneten Investor zu finden, und im Jahre 2011 wurde die ursprüngliche Funktion und Gestalt dieses einzigartigen Gebäudes wiederhergestellt.

 

 

Literatur