Erstes Plattenhaus in Brünn

D039
Im Einklang mit der vom Staat erklärten Forderung einer Industrialisierung des Bauwesens wurde im Jahr 1951 im Prager Institut für Studien und Typisierung unter der Leitung des Architekten Erich Kohn die Ausarbeitung eines Typisierungssammelwerks in Angriff genommen, das die Parameter von Baukonstruktionen und –elementen kodifiziert, die zu einem wichtigen Typisierungsinstrument wurden und zu einer Einschränkung der kreativen Möglichkeiten der Architekten führte. Die Hauptansprüche an den Wohnungsbau blieben Quantität, Schnelligkeit und Effizienz, was einen Ausgleich des Defizits des im Zweiten Weltkrieg vernichteten Wohnungsbestands gewährleisten sollte. Die Tschechoslowakei war im Vergleich zu den übrigen mitteleuropäischen Ländern, besonders zu Polen und Deutschland, von den Kriegsschäden in dieser Richtung nicht so dramatisch betroffen gewesen. Jaroslav Mlýnský führt jedoch aus, dass in Brünn „fast jedes zweite Haus zerstört oder beschädigt war, was die völlige Zerstörung von 11 800 Wohnungen und die Beschädigung von 35 000 Wohnungen bedeutete. Seit Anfang der fünziger Jahre wurde auch eine Reihe weiterer Einrichtungen gegründet (beispielsweise das Forschungsinstitut für Bauwesen, das Institut für Architektur und Raumplanung u.a.), die auf Entwicklung und Bauplanung für die Bauausführung von typisierten Standardobjekten und Fertigbauteilen bzw. auf Forschung auf dem Gebiet der Architektur und des Urbanismus ausgerichtet waren. Ihre Bedeutung nahm vor allem nach dem Jahr 1955 zu, als in Reaktion auf die Situation in der Sowjetuniun von den tschechoslowakischen politischen Repräsentanten „die Verwendung von Zierbeiwerk in der Architektur“ abgelehnt wurde und vom Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei der Beschluss Über Maßnahmen zur Industrialisierung und weiteren Entwicklung des Bauwesens gefasst wurde.
Durch den Einfluss der Forderung nach einer Typisierung wurde das Projektieren selbst eher zu einem „förmlichen Akt“, dessen Ergebnis Produkte eines armen architektonischen Ausdrucks waren. Diese technokratische Ära, die dadurch charakterisiert war, dass sie technischen und wirtschaftlichen Fragen gegenüber architektonischen den Vorzug gab, hatten Realisationen zur Folge, die man als Zeichen der Ratlosigkeit in Reaktion auf die offizielle Leugnung des sozialistischen Realismus als ideologische Doktrin betrachten kann. Und das gilt nicht nur für die Architektur, sondern auch für die nicht allzu erfindungsreichen Raumlösungen größerer Wohnkomplexe im Geiste des sog. „Kranbahnurbanismus“. Eine Auslegung dieser Etappe beschränkt sich deshalb häufig treffend auf die Feststellung, dass es sich dabei um eine Degradierung der Architektur durch die technizistischen Forderungen einer zentralisierten Wirtschaft handelte. Vítězslav Procházka macht in diesem Zusammenhang auch auf das „theoretische Vakuum“ aufmerksam, das sich nach dem Überfluss an zwar vage formulierten, jedoch in Fülle publizierten Theorien der vorhergehenden Zeit breitmachte, und in dem „ohne ästhetische und sonstige Behinderungen – ob objektive oder subjektiv, voluntaristisch verzerrte – vulgär technizistische und ökonomistische Meinungen in ihrer extremen Form wucherten“.
Die Situation im Wohnungsbau und der Architektur Mitte der fünfziger Jahre wird auch durch die Planung und Realisierung des ersten Brünner Plattenhauses in der Fišová-Straße vielsagend illustriert, die in der kurzen Geschichte des staatseigenen Hochbaubetriebes Pozemní stavby zu einem großen Ereignis wurde. Mit der Entwicklung von Fertigbauten wurde nach Aufsplitterung der Bauplanungsorganisation Stavoprojekt in spezialisierte Planungsinstitute im Jahr 1954 das Institut für Industrialisierung des Bauwesens in Gottwaldov (Zlín) beauftragt, wo unter der Bezeichnung G auch das erste Plattenbausystem zur Welt kam. Der nach der Anzahl der Wohneinheiten G40 genannte erste Prototyp – ein fünfstöckiges Wohnhaus mit der kurzen Spannweite von 3,6 m – wurde im Jahr 1953 nach den Plänen von Bohumír Kula und Hynek Adamec an dem damaligen Pionier-Ufer (nábřeží Pionýrů) in Gottwaldov (heute Beneš-Ufer in Zlín) errichtet. Sein durch den Konstruktionsaufbau determinierter architektonischer Ausdruck rief seinerzeit Verlegenheit hervor, da er laut zeitgenössicher Kritik die Ansprüche der „sprechenden Architektur“ des sozialistischen Realismus nicht erfülle, obwohl dort dekorative Fertigbauelemente verwendet wurden. Forschung und Bau von Fertigbaugebäuden hatten in Zlín eine starke Tradition. In den Entwicklungsbüros des Baubetriebs der Firma Bata wirkten vor dem Krieg auch die politisch links orientierten Avantgardisten und späteren Exponenten der Organisation des verstaatlichten Bauwesens und der Planungspraxis Jiří Voženílek und Karel Janů. Mit der Frage von Fertigbauhäusern beschäftigte sich dort die Arbeitsgruppe von Bohumír Kula und Hynek Adamec. Das Konstruktionssystem G ist ein System von tragenden Innentrennwänden, auf denen die Decken parallel zur Längsaußenwand lagern. Die Außenplatten sind nicht tragend und bilden den Windverband des Baus. Es handelt sich um ein System mit der Spannweite von 3,6 m, wobei die Konstruktionshauptelemente aus 24 cm starken Außenplatten, einer tragenden Innenplatte (20 cm), Trennplatten (10 cm) und aus Treppen- und ergänzenden Platten bestehen. Bis zum Jahr 1958 wurden nach diesem System fünfundzwanzigtausend Wohnungen gebaut, danach wurde es durch das gesamtstaatlich verwendete Konstruktionssystem G57 ersetzt.
Entsprechend dem von Bohumír Kula im Forschungsinstitut für Fertigbauten in Gottwaldov  (Zlín) entworfenen Projekt wurde – allerdings mit lokalen, durch die Hanglage des Geländes erforderlichen Anpassungen – auch das erste Brünner Haus aus Vollwandplatten errichtet. Das vierstöckige Objekt mit drei Sektionen und vierundreißig Wohnungen liegt im attraktiven Brünner Residenzviertel Černá Pole mit einer überwiegenden Bebauung aus der Zwischenkriegskeit und dem neunzehnten Jahrhundert, als man dort damit begann die erste Brünner Villenkolonie zu errichten. Der Brünner Prototyp sollte Unzulänglichkeiten der bisherigen Häuser vom Typ G ausgleichen, die nur für eine Ost-West-Ausrichtung waren, was beim Entwurf einer Siedlung nicht ausreichte. Die in die technologischen Neuheiten gelegten Hoffnungen gingen jedoch leer aus. Von den ursprünglich geplanten vierzig Wohnungen wurden nur vierunddreißig realisiert, und von der vierten Etage blieb im linken Drittel des Blocks ein bloßes Fragment mit zwei Wohneinheiten übrig, wodurch der Anschluss an die benachbarte Bebauung gelöst werden sollte. Das Gefälle des Geländes erforderte auch eine Lösung der Eingänge in die Randsektionen von der Seite, auch die Norm bzgl. Anzahl und Kategorien der Wohnungen wurde nicht eingehalten. Die ungünstige Wahl des Grundstückes mündete schließlich in einem Mißerfolg des ganzen Vorhabens – anstatt eines Hauses, das zum Prototyp des Massenwohnungsbaus werden sollte, wurde ein „normales, atypisches Projekt“ errichtet.
Der Leiter der technischen Entwicklungsabteilung des Hochbauinstituts Pozemní stavby kam dann in einer fachkundigen und sachlich konzipierten Analyse des Bauverlaufs des ersten Brünner Plattenbaus zu dem Schluss, dass das Institut für Studien und Typisierung in dieser Richtung versagt hat, da „es konsequent die Hauptabsicht des Auftraggebers – des Minsiteriums für Bauwesen – verfolgen sollte, d.h. einen Typus für die Massenproduktion zu schaffen“. Gleichzeitig wies er auch auf die Rolle des Instituts zur Industrialisierung des Bauwesens in Gottwaldov (Zlín) hin, dessen „große Konstruktionsarbeiten keinerlei Ergebnis brachten, da es an ungeeignete Dispositionsvorlagen anknüpfte. Die Folge dieses seitens des dispositionsmäßig misslungenen Prototyps ist, dass wir vor einer Einführung der Plattenbauweise im breiteren Maßstab stehen und bislang über keinen geeigneten Typ verfügen.“ Diese Mitte der sechziger Jahre veröffentlichte scharfe Kritik kann durch den Grad der Verurteilung überraschen, der zur allgemein geteilten Aufbaurhetorik im Kontrast steht. Obgleich wir davon ausgehen, dass die zitierten Vorbehalte den realen Mängeln entsprachen, drängt sich die Frage auf, ob es sich nicht um eine politisch motivierte „konstruktive Kritik“ handelte, die eine nochmalige Verwendung der traditionellen gemauerten Technologie rechtfertigen würde.

Im Hinblick auf das schlechterdings begrenzte Repertoire an Plattenbaufertigteilen (in den fünfziger Jahren standen in der Tschechoslowakei lediglich vier Typen zur Verfügung) konnte fast keine Variabilität der Dispositionen erreicht werden. Die Rolle des Architekten war in der Planungsphase eine rein formale, was auch durch den strengen Ausdruck des Hauses in der Fišová-Straße bestätigt wird, wobei die klassizistische Laibung der Eingänge an der ansonsten kahlen Fassade noch an den sozialistischen Realismus erinnert. Es ist bezeichnend, dass man in der Praxis jener Zeit für die Benennung der räumlichen Anordnung der ersten Fertigbauten nicht die Bezeichnung „Urbanismus“ verwendet hat, sondern lediglich von „Platzierung“ sprach, was ihre durch die Bahn eines Brückenkrans bedingte Anordnung und das architektonische Niveau von auf diese Weise entstandenen Objekten impliziert. Die eilige Realisierung solcher „Protoexperimente“ und deren ausdruckslose architektonische Lösung entsprechen voll und ganz dem Umstand, dass man technischen und wirtschaftlichen Fragen gegenüber einer individuellen Auffassung und ästhetischen Gesichtspunkten den Vorzug gab. 

Name
Erstes Plattenhaus in Brünn

Datierung
1955 – 1957

Architekt
Bohumír Kula

Kode
D039

Typ
Mietshaus

Adresse
Fišova 417/21, Fišova 417/25 , (Černá Pole), Brno, Sever

Öffentlicher Verkehr
Zimní stadion (TROL 25,26,38,39)

GPS
49°12'32.0"N 16°36'42.6"E

Literatur
Jaroslav Dřímal, Václav Peša (eds.), Dějiny města Brna 2, Brno 1973
Josef Pechar, Československá architektura 1945-1977, Praha 1979
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Quellen
Kolektiv propagace n. p. Pozemní stavby Brno, Stavíme nový svět – kronika 2. pětiletky, Brno 1960, nepag., MZA, fond K 171, karton 55, inv. č. 559; Vurm 1971, s. 5.
Šárka Svobodová, Černá Pole, Brněnský architektonický manuál, dostupné z: http://www.bam.brno.cz/stezka/10-cerna-pole, vyhledáno 15. 10. 2014.
Rozhovor s architektem Vladimírem Matouškem uskutečněný dne 17. 6. 2014