In den Jahren 1904–1906 wurde der ausgedehnte Raum zwischen den Straßen Lidická, Smetanová und Cihlářská städtebaulich neu hergerichtet, und an der Stelle der älteren Wohnungsbauten entstand ein neuer Block mehrstöckiger Mietshäuser. Dabei handelte es sich um den ersten größeren Auftrag des bedeutenden Brünner Baumeisters jener Zeit Friedrich Wilhelm Schmeer, der die meiste Zeit seiner beruflichen Laufbahn eng mit dem Architekten Vladimír Fischer zusammengearbeitet hat. Von Schmeers Baufirma stammten die technischen Lösungen und Grundrissdispositionen der Häuser, während die Fassadenentwürfe überwiegend Fischers Werk waren, die endgültige Form der Bauten war dann das Ergebnis der gemeinsamen Zusammenarbeit. Das Mietshaus in der Straße Lidická Nr. 45 an der westlichen Straßenfront gegenüber dem Eingang zum Park Augarten hatte Schmeer im Jahr 1905 deutlich umgebaut, in den Jahren 1905–1911 war er auch Eigentümer des Hauses, in dem seine Firma ebenfalls ihren Sitz hatte. An der Fassade findet man deshalb die Symbole der Baumeisterinnung und eine Büste des berühmtesten spätgotischen Brünner Baumeisters Anton Pilgram. Ab 1911 befand sich das Mietshaus im Besitz von Anna Popper, die es 1924 an Marie, Rudolf und Oskar Charvát verkaufte. Die eklektische Architektur der anspruchsvoll gestalteten Fassade von Schmeers Haus geht frei mit verschiedenen historisierenden Formen um, die er in eine originelle und sehr romantisch wirkende Einheit einfügt. Die reichhaltig figural und ornamental verzierte Fassade bedient sich vor allem bei der Spätgotik und der Renaissance. Die dreiaxiale Fassade des fünfstückigen Hauses ist deutlich vertikal komponiert, und seine monumentale Vertikalität wird noch durch einen zentralen dreiseitigen Erker und eine senkrechte Armierungslinie an den Rändern hervorgehoben. Der „schwere“ Sockelbereich wurde mit einem Bandbossenwerk versehen, die obere Partie der Fassade wird von einem barockisierenden Schweifgiebel abgeschlossen, dessen Fläche mit einem feinen Stuckdekor mit Blumen und Vasen im Stil von Ludwig XVI. ausgeschmückt wurde, die auch in den Nischen zwischen den Fenstern des obersten Stockwerks zu sehen sind. Die großen rechteckigen Fenster sind in den einzelnen Stockwerken mit verschieden geformten Faschen gerahmt, die außer Motive der Renaissance auch spätgotische Motive von sich kreuzenden Stäben und Vorhangbögen zitieren. Der dominante Erker mit spätgotischen Wasserspeiern wird von einer mächtigen gotisierenden Konsole mit der Halbfigur eines gotischen Baumeisters, vielleicht Meister Anton Pilgram, getragen. Die Konsole befindet sich zwischen vier quadratischen Feldern, in denen die Symbole der Baumeister als Relief dargestellt werden. Der zentral positionierte Eingang wird von einem eklektischen Stufenportal gerahmt, über dem sich ein Oberlicht befindet, das von Ritterfiguren in Rüstungen flankiert wird, bei denen es sich um ein historisierendes Zitat der Figuren von Pilgrams Portal des Alten Rathauses von Brünn handelt. Man kann die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass sich Baumeister Schmeer bewusst auf das Vermächtnis dieses berühmten Baumeisters des Spätmittelalters bezogen hat. Unbestritten ist jedoch, dass dort trotz der anspruchsvollen Aufgabe, eine Fülle verschiedenartiger Zitierungen der Vergangenheit zusammenzufügen, ein überraschend kohärentes und optisch wirkungsvolles architektonisches Werk entstanden ist. Der gute Erhaltungszustand des Gebäudes wird heute durch die unsensible Herrichtung des Erdgeschosses zu Geschäftsräumen gestört.
Pavla Cenková