“Vesna” und ihr „Frauen-Campus“ (Údolní 8 und 10, Jaselská 7 und 9)

In Brünn, einem wichtigen mährischen Zentrum des tschechischen Nationallebens, entstand 1870 der bekannte “Frauenverein Vesna”, der sich ursprünglich auf den Gesang in slawischen Sprachen konzentriert hatte. Bereits zwei Jahre nach seiner Gründung rückte die Bildung in den Vordergrund – obwohl der Chorgesang weiterhin eine wichtige Rolle spielte, wurde der Zweck des Vereins auf die Verbreitung von Bildung unter den tschechischsprachigen Brünnerinnen ausgeweitet. Vesna war dabei nicht der einzige Frauenverein, der sich an junge Mädchen richtete. In ähnlicher Weise entwickelte sich die Tätigkeit des etwas jüngeren deutschen Brünner Frauenerwerbvereins (1873), der sich in seinen Gebäuden an der heutigen Kpt.-Jaroš-Straße 7 mit Erfolg auf die Erziehung deutscher Mädchen konzentrierte.

Die ursprüngliche Absicht, zu Vesna eine Gesangsschule zu gründen, wandelte sich zu dem ehrgeizigeren Vorhaben einer weiterführenden Schule für Mädchen, die den Mangel an geeigneter Bildung für Absolventinnen der städtischen Schulen ausgleichen sollte. Die „Weiterbildungsschule für Mädchen“ (Pokračovací škola pro dívky) wurde nach großen finanziellen Schwierigkeiten – vor allem dank der Bemühungen der Geschäftsführerin von “Vesna”, Eliška Machová – im Jahr 1886 eröffnet, und der Verein schlug damit, nach dem Vorbild der Prager Frauenbewegung, den Weg eines Bildungs- und Erwerbsvereins ein, was seinen Emanzipationsbestrebungen sowie den Bedürfnissen der Brünner Mädchen besser entsprach.

Nach und nach wurde das Angebot der “Vesna”-Schulen für Mädchen um ein Lyzeum (eine Zwischenstufe zwischen Sekundar- und Hochschulbildung) erweitert, und die hohe Qualität der Ausbildung führte zu wachsendem Interesse und einer Zunahme von Studienbewerberinnen. In den folgenden Jahren wurde der Verein und seine Schulen zu Recht als „Aushängeschild des tschechischen Mährens“ bezeichnet. Eine Absolventin von “Vesna” zu sein, garantierte ein gewisses gesellschaftliches Ansehen und einen guten Ruf auf dem Heiratsmarkt. Die Stellung des Vereins in der tschechischen Bevölkerung wurde im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts durch den Bau eines „Frauencampus“ zwischen den Straßen Údolní und Jaselská bestätigt, der einen hervorragenden Ort für die wachsenden Mädchenschulen von “Vesna” bot. Es überrascht daher nicht, dass die Fassade des Mädchenlyzeums von einer Allegorie der Lichtträgerin geschmückt wird – einer geflügelten weiblichen Figur mit Buch und Fackel, die symbolisch den unwissenden Frauen das Licht der Erkenntnis bringt.

Das Ausmaß der Vorkriegsaktivitäten von “Vesna” verdeutlichen die Statuten aus dem Jahr 1900, wonach das Ziel des Vereins darin bestand, „für eine vielseitige Bildung der Frauen, die Verfeinerung und Verbreitung weiblicher Arbeit, den Absatz ihrer Erzeugnisse und die materielle Absicherung der Frauen zu sorgen“. Dem entsprachen auch vielfältige Aktivitäten, darunter die Finanzierung von praktischen und allgemeinbildenden Schulen sowie die Bereitstellung guter Räumlichkeiten für die Ausrichtung von Konzerten, Kunstausstellungen, Verkaufsmessen oder Präsentationen mährischer Folklore im Ausland. Aufgrund seiner Abhängigkeit von öffentlichen Mitteln und aus Sorge um den Wegfall der bescheidenen Einnahmen beteiligte sich der Verein offiziell nicht an Aktivitäten, die über den Rahmen des Vereinsgesetzes hinausgingen, also am politischen Geschehen, war jedoch indirekt Teil davon. So unterzeichneten beispielsweise zahlreiche Mitglieder von “Vesna” und Lehrerinnen an ihren Schulen in den Jahren 1904–1905 in den Räumlichkeiten des Vereins Petitionslisten, in denen das aktive Wahlrecht für Frauen gefordert wurde. Im Jahr 1905 zerschlugen dann während der tschechisch-deutschen Unruhen unbekannte deutsche Jugendliche an einer der “Vesna”-Schulen die Fenster, was belegt, dass die deutsche Bevölkerung die Gebäude von “Vesna” als Orte der Konzentration des tschechischen Nationalbewusstseins wahrnahm.

Obwohl der Verein vor 1914 formal keine Zweigstellen gründete, diente er beispielsweise als Inspiration für die “Vesna” in Ivančice, Třebíč oder die sogenannte “Schlesische Vesna” in Opava mit einer Zweigstelle in Frýdek-Místek. Nach dem Ersten Weltkrieg trugen seine Mitwirkenden maßgeblich zur Entwicklung des Mädchenschulwesens in der Slowakei bei. Nach den turbulenten Umwälzungen des 20. Jahrhunderts, die sich auf die Aktivitäten und das Angebot der “Vesna” überwiegend negativ auswirkten (Einschränkung der Aktivitäten während des Zweiten Weltkriegs, unfreiwillige Auflösung nach 1948), wurde der Verein 1989 wiederbelebt. Es ist schön, dass das Erbe dieses berühmten Vereins heute, nach mehr als 150 Jahren, vom “Frauenbildungsinstitut Brno” (Ženský vzdělávací ústav Brno, z. ú.) (2022) in Ehren gehalten wird.

Hana Krutílková, Moravské zemské muzeum

Name
“Vesna” und ihr „Frauen-Campus“ (Údolní 8 und 10, Jaselská 7 und 9)

Architekt
Antonín Blažek

Adresse
Jaselská 7/9, Brno-střed

GPS
49.198191,16.601153