Ehemaliges Schwesternheim mit Klausur, im Areal des Fakultätskrankenhauses zu St. Anna

B066

Der steile Anstieg der Einwohnerzahl Brünns in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts steigerte auch die Anforderungen an die Krankenpflege, und die Kapazität des Landeskrankenhauses zu St. Anna reichte bald nicht mehr aus. Im Jahr 1898 hatte man demzufolge für die Bedürfnisse des Krankenhauses das benachbarte sog. Kreuzhaus in der Straße Pekařská Nr. 55 angekauft (ehemalige Kommende des Johanniterordens aus dem Jahr 1243 mit Spital). Anschließend erwarb man in der Straße Křížová auch die Häuser Nr. 3, 5, 7, 11 und 13. An der durch ihren Abriss freigewordenen Stelle hat man dann neben den anderen Krankenhausgebäuden am südwestlichen Rand des Krankenhausgeländes in der Nähe der vom Mendelsplatz aus erreichbaren Einfahrt auch ein Schwesternheim mit Klausur und Kapelle gebaut. Die mit Februar 1909 datierten Baupläne wurden vom ehemaligen Landesbauamt von Brünn und ohne explizite Autorisierung einer Person gezeichnet. Im Hinblick auf das formale Aussehen des Baus kann eine Urheberschaft der Architekten Vladimír Fischer oder Franz Holik in Betracht gezogen werden, die zum Zeitpunkt als der Entwurf entstand beim Bauamt angestellt waren. Die Bauausführung besorgte der Baumeister Antonín Müller. Das Wohnheim für die Ordensschwestern wurde im Jahr 1910 feierlich eingeweiht und den Schwestern zur Nutzung übergeben. In dem Haus wohnten um die dreißig Ordensschwestern der Kongregation der Barmherzigen Schwestern vom III. Orden des heiligen Franziskus unter dem Schutz der Heiligen Familie (die Kongregation ist bis heute in Brno in der Straße Grohova aktiv). In dem Krankenhaus übten sie ihren Dienst in der chirurgischen Klinik und in den Abteilungen für Augenheilkunde und Infektionskrankheiten aus. Gemäß dem mit dem Krankenhaus abgeschlossenen Vertrag von 1929 verpflichteten sich die Schwestern dazu, Kranke ungeachtet ihrer Religion und Nationalität zu pflegen. Die Tätigkeit im Krankenhaus wurde nur von körperlich und geistig gesunden Schwestern ausgeübt, die Bürgerinnen der Tschechoslowakei waren und praktische Erfahrungen oder eine zweijährige Krankenpflegerinnenausbildung absolviert hatten sowie die Staatssprache, ggf. noch eine andere Landessprache beherrschten. Die Altersgrenze für die Schwestern, den Dienst auszuüben, lag bei 60 Jahren. In der Männerabteilung für Geschlechtskrankheiten waren die Schwestern von der Krankenpflege ausgeschlossen, bei Geburten und Fehlgeburten erhielten sie monatlich 563‒640 Tschechische Kronen. Das Schwesternheim ist eine wertvolle frühmodernistische Architektur mit einer Reihe erhaltener authentischer Elemente und baulicher Details. Das ursprüngliche Gebäude hatte einen ungeführ L-förmigen unregelmäßigen Grundriss und geht heute durch die späteren Anbauten ein wenig unter. Das zweistöckige Gebäude wird deutlich durch die Silhoutte der hohen Mansardendächer definiert, die früher von einem kleinen Kuppelturm gekrönt wurden, der an die sakrale Funktion des Gebäudes erinnerte. Architektonisch markant sind besonders die Fenster – im Erdgeschoss befinden sich kleinere rechteckige Fensteröffnungen, im Obergeschoss dann kompliziert gegliederte, hochgezogene Bogenfenster der ehemaligen Kapelle, die das dominante architektonische Element des gesamten Gebäudes darstellen. Diese Lösung taucht auch am dreiaxialen polygonalen zweistöckigen Erker an der Ostseite auf. Die Baumasse wird durch einen durchgehenden Steinsockel mit oberem Backsteinband akzentuiert, und die beiden Stockwerke werden durch ein durchgehendes rechteckiges Kordongesims voneinander abgetrennt. Die Fassaden sind glatt, das Dekor wurde reduziert auf eine rechteckige Füllung der Fensterbrüstungen des zweiten Stockwerks. In Richtung Mendelsplatz springt ein modernistischer halbzylinderförmiger Risalit aus der Fassade hervor, der von Fensterlünetten durchbrochen wird, mit einem Kegeldach versehen ist und ein Treppenhaus beherbergt. Der bedeutendste Innenraum ist die ehemalige Hauskapelle der Schwestern im zweiten Stock des Hauptgebäudes. Er wird durch hohe Bogenfenster beleuchtet, an deren Innenseite Mosaike mit buntfarbigen geometrischen Ornamentbändern erhalten geblieben sind, die sich mit weißen vierblättrigen Blüten abwechseln. Die Buntglasfenster stammen aus der Produktion der damals besten Glaserei von Benedikt Škarda. Der Altarraum mit dem der Unbefleckten Empfängnis Mariä geweihten Altar stand ursprünglich in dem dreiseitigen Erker. In den Innenräumen des Gebäudes sind auch die Originaltüren und die dekorativen Fliesen mit dem Motiv eines weißen griechischen Kreuzes und vegetabilen Bordüren erhalten geblieben, die von der renommierten Brünner Firma von J. Lichtenstern geliefert wurden. In den Jahren 1936–1947 wurde das Schwesternheim nach Norden hin um einen Anbau vergrößert. Dadurch verschwand die nördliche Giebelfront mit dem ursprünglichen Eingang. Nach dem Anbau erhielt das Gebäude in Form eines neuen gegliederten groben Linkrusta-Putzes ein einheitliches Aussehen, was den architektonischen Ausdruck ein wenig verändert hat. Nach 1990 wurde an dem Gebäude eine Pforte angebaut, die bis heute an das frühere Objekt anschließt. Zur Zeit dient das Gebäude für die Büros der Krankenhausverwaltung, und in der ehemaligen Kapelle wurde ein Hörsaal für die Studenten der medizinischen Fakultät der Masaryk Universität eingerichtet.

Pavla Cenková

Name
Ehemaliges Schwesternheim mit Klausur, im Areal des Fakultätskrankenhauses zu St. Anna

Architekt
Vladimír Fischer

Kode
B066

Typ
Verwaltungsgebäude

Adresa
Pekařská 664/53, Brno

GPS
49.191327,16.599337

Literatur
Karel Maráz, Dagmar Černoušková, Dalibor Hodeček. Fakultní nemocnice U sv. Anny v Brně. Brno, 1996.

Prameny
MZA, fond A 9, Zemský výbor Brno 1702‒1929, kart. 6325‒6328, Zemská nemocnice, stavební a adaptační práce 1909‒1911.
Archiv Kongregace Milosrdných sester III. řádu sv. Františka v Brně, Grohova 18, Kronika Milosrdných sester III. řádu sv. Františka pod ochranou Svaté Rodiny, II. díl, rok 1929–1940, s. 6‒8, Smlouva mezi Zemskou nemocnicí a kongregací z roku 1929.