Der Architekt Josef Havlíček gilt als Vertreter der avantgardistischsten Strömungen der Zwischenkriegsarchitektur und der großen visionären Transformation von Prag in einer Reihe von utopischen Projekten der Moderne. Zwischen 1916 und 1924 studierte er Architektur an der Technischen Universität Prag, im Jahr 1926 im Architekturbüro von Josef Gočár an der Akademie der bildenden Künste. Als Student entwarf er zusammen mit Bedřich Stefan die tschechoslowakischen Grenzsäulen. 1927 begann er mit dem Ingenieur Jaroslav Josef Polívka zu arbeiten. Gemeinsam entwarfen sie für den Agrarunternehmer Jindřich Kolowrat-Krakowský das administrative Palais Habich und das Palais Chicago; außerdem beteiligten sie sich am Wettbewerb zur Errichtung der Nusle-Brücke in Prag. Havlíček und Polívka entwarfen neun schallisolierte, bewohnbare Häuser, die eine zweispurige Brückenstraße tragen. 1928 gründete Havlíček zusammen mit Karel Honzík das Studio H & H. Zu dieser Zeit begann Havlíček, sich in künstlerischen und professionellen Organisationen zu engagieren: Er war Mitbegründer des Vereins Devětsil und eines seiner wichtigsten Mitglieder. Außerdem war Havlíček Mitglied der Vereinigung der bildenden Künstler Mánes sowie der Architektenvereinigung. Zusammen mit Karel Honzík, Jiří Kroha, Karel Teige und Jiří Voženílek war er Mitglied der Levá Fronta (Linke Front), einer Vereinigung linker Künstler und Architekten. Havlíček veröffentlichte auch Artikel über Gemeinschaftsunterkünfte und andere Themen wie Teige und Honzík. Zwischen 1929 und 1931 arbeitete er mit Honzík an seinem wahrscheinlich wichtigsten Gebäude zusammen – dem Allgemeinen Pensionsinstitut (Všeobecný penzijní ústav) in Prag-Žižkov, was eine bedeutende Geste der Moderne war. Später drückte Honzík sein Bedauern aus, dem Kontext des historischen Panoramas von Prag nicht mehr Beachtung geschenkt zu haben [1]. In den 1930er Jahren entwarfen Havlíček und Honzík mehrere Wohnhäuser in Prag. Nach ihrer beruflichen Trennung konzipierte Havlíček die Reihenhaussiedlung auf der Prager Letná-Ebene – den Häuserkomplex namens „Molochov“. Zwischen 1945 und 1948 beteiligte sich Havlíček an der stadtplanerischen Gestaltung von Hradec Králové: Zunächst entwarf er die Regelung der neuen Entwicklung des Stadtviertels Slezské Předměstí, später zusammen mit František Bartoš den Stadtteil Labská kotlina (Gottwald), einschließlich der Standard-Reihenhäuser. Anschließend arbeiteten Havlíček und Bartoš an dem neuen Regulierungsplan der Stadt, einschließlich der weiteren Beziehungen und der Schaffung des Ballungsraums Hradec Králové-Pardubice [2]. 1948 wurde Havlíček der erste Direktor der Firma Stavoprojekt. Zusammen mit Karel Filsak entwarf er den neuen Regulierungsplan von Jindřichův Hradec. Später arbeiteten Havlíček und Filsak mit Karel Bubeníček am Entwurf der Siedlung Rozdělov in Kladno zusammen. Havlíček entwarf auch eine Reihe utopischer Stadtentwürfe, darunter die Neugestaltung des Stadtviertels Žižkov und der Pankrácer Ebene mit pyramidenförmigen Wolkenkratzern (beides in Prag). Diese phantasievollen Pläne wurden zwar nie realisiert und waren überhaupt schwer zu verwirklichen, aber sie stellten wichtige Inspirationsquellen für die tschechische Avantgarde dar.
LZL
Anmerkungen
[1] Vgl. Ladislav Zikmund-Lender, Karel Honzík – památkář? Staletá Praha, Jg. 2013, Nr. 1, S. 109–113
[2] Vgl. Jakub Potůček, Josef Havlíček, František Bartoš – Regulační plán Hradce Králové 1945–1950, in: Magazín UNI, www.magazinuni.cz/architektura/josef-havlicek-frantisek-bartos-regulacni-plan-hradce-kralove-1945-1950/, eingesehen am 5. 2. 2019
Architekt/ka
Josef Havlíček
Geburtsdatum
05.05.1899 Praha
Todesdatum
30.12.1961 Praha
Literatur
Zdeněk Vávra, Radomíra Sedláková. Josef Havlíček: výstava pořádaná k 100. výročí narození českého architekta (kat.). Praha, Národní galerie, 1999.
Dita Dvořáková. Všeobecný penzijní ústav – Dům odborových svazů. Praha 2014. s. 104–106.