Mahen-Theater

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Als um Mitte des 19. Jahrhunderts die Diskussion losbrach, wie die Brünner Ringstraße an der Stelle der beseitigten Stadtbefestigung aussehen solle, war ein Neubau des Stadttheaters in allen Regulierungsplänen selbstverständlich enthalten. In dem von L. Förster (1860) und J. Lorenz (1861) erstellten Konzept der Ringstraße hatten sie das Theatergebäude bereits relativ genau auf der Freifläche vor dem ehemaligen, Obstmarkt genannten Neuen Tor, dem heutigen Malinovsky-Platz angesiedelt. Der Bedarf einer neuen repräsentativen kulturellen Einrichtung der deutschen Stadtelite wurde noch dringender, nachdem das damals bestehende Theatergebäude am Krautmakrt im Juni 1870 einem Brand zum Opfer gefallen war. Da die Bedingungen für den Bau eines neuen Gebäudes jedoch noch nicht geschaffen worden waren, hatte man beschlossen, am Radwitplatz (heute Žerotínovo náměstí) ein Interimstheater zu errichten. Aus dem Architekturwettbewerb ging der Entwurf eines Neorenaissance-Theaterobjekts aus Holz des jungen Wiener Architekten Ferdinand Fellner d. J. als Siegerentwurf hervor, das in nur vier Monaten erbaut wurde. Es war ebenfalls Fellner, der ab 1873 mit dem Architekten Hermann Helmer unter dem Firmennamen Fellner & Helmer zusammenarbeitete, den die Stadtvertreter 1881 auch für das als Steinbau geplante Theater auswählten. Dies war damit erst das dritte (nach Budapest und Augsburg) von fast fünfzig gemeinsam entworfenen Theatergebäuden im gesamten Königreich sowie in den angrenzenden Ländern.

Der Bau des Deutschen Stadttheaters wurde von Juli 1881 bis November 1882 unter der Aufsicht von Josef Arnold, einem der bedeutendsten Brünner Baumeister, durchgeführt. Um das endgültige Aussehen des Theaters hat sich in hohem Maße auch der damalige Brünner Bürgermeister Gustav Winterholler verdient gemacht. Er gewährleistete nicht nur die Finanzierung des Neubaus, sondern aufgrund seines Glaubens an neue Technologien wurde das Brünner Theater auch das erste voll elektrisch beleuchtete Theater auf dem europäischen Kontinent. Er hatte 1881 in Paris die Erste internationale Elektrizitätsausstellung besucht, und im Juni 1882 hat der Stadtrat beschlossen, dass das Brünner Theater nur elektrisch beleuchtet werden solle. Die zuerst geplante Gasbeleuchtung wurde erst gar nicht installiert, weswegen die ursprünglichen Pläne umgearbeitet werden mussten. Die europäische Zweigstelle der Gesellschaft Edison Electric Light Company besorgte die Installation der Beleuchtung, was vom Bau eines Dampfkraftwerks nur für den Bedarf des Theaters in der heutigen Straße Vlhká begleitet wurde. In einer Kupferkapsel hat man symbolisch eine Glühbirne in den Grundstein eingelassen, die heute in einer Vitrine an der Haupttreppe ausgestellt wird. Weitere Änderungen der Pläne erfolgten als Reaktion auf mehrere Brände in europäischen Theatern im Laufe des Jahres 1881, speziell nach dem tragischen Brand im Wiener Ringtheater, wonach die österreichisch-ungarischen Behörden die Richtlinien für die Entwürfe von Theatergebäuden verschärft hatten. Das Brünner Theater wurde so mit einem feuerfesten Vorhang, mit Brandschutzanstrichen der Fußböden, mit sichereren Fluchtwegen und einem eigenständigen Brandtelegrafen ausgestattet.

Die architektonische Lösung des frei stehenden Theatergebäudes ist eine eklektische Kombination italienischer Vorbilder der Neorenaissance an den Fassaden und einer neobarocken Dekorativität der Innenräume. Der Haupteingang wird neben einem blumigen Parterre von zwei lyraförmigen Kutschenrampen umschlossen und durch das Motiv eines antiken Tempels akzentuiert, dessen Tympanon eine allegorische Darstellung des Gottes Dionysos in einem von Löwen und Panthern gezogenen Streitwagen und die Figuren der Musen Kalliope und Melpomene enthält. Die Komposition krönt ein Dachbogen mit dem Stadtwappen, auf dessen Spitze auf einem Schwan die Muse Thaleia gelandet ist. Die von zwei Putti gehaltenen Schilde an den Ecken sind heute leer und hatten bis 1945 die deutsche Inschrift: Dem Schönen eine Stätte – den Musen ein Heim. Die Statuenverzierung der Front ist das Werk von Theodor Friedel, einem ständigen Mitarbeiter des Ateliers Fellner und Helmer. Die gemäßigteren Seitenfassaden werden von Sgraffito-Szenen rhythmisiert, die von dem Maler Adolf Roth stammen. Das Gebäude ist dem Grundriss und der Baumasse nach in trei Funktionseinheiten unterteilt: in Foyer, Zuschauerraum und Bühne, was auch der Gliederung der Dächer entspricht. Die Disposition reflektiert den gängigeren Fellner-Helmer-Typ eines Stadttheaters. Der Zuschauerraum ist hufeisenförmig und hat vier Logen- und Balkonreihen, seine ursprüngliche Kapazität betrug ca. 1200 Plätze. Ungewöhnlicher ist die hohe, zwischen Vestibül und Zuschauerraum eingefügte Treppenhalle, für die die Pariser Opéra Garnier als Inspirationsquelle diente. Urheber der reichen skulpturalen Verzierung der Innenräume ist Franz Dressler, die ovale Decke des Zuschauerraums ziert ein Zyklus von sechs Lünetten mit Allegorien der Tragödie, Komödie, Lyrik, des Gesangs, Tanz und der Musik, die das Werk des Malers Julius Schmidt und der Malerin Olga Fialková sind. Der nicht erhalten gebliebene ursprüngliche Vorhang wies eine anspruchsvolle figurale Komposition und wurde von dem Maler Franz Lefler entworfen. 

Nach 1918 wurde das Gebäude dem tschechischen Theaterensemble übergeben, obwohl an zwei Wochentagen im Theater auf den Schanzen auch weiterhin deutsche Aufführungen stattfanden. Während der Okkupation exitierte es auschließlich als das deutsche Brünner Stadttheater, ab 1945 hatte dort die Oper unter dem Namen Janáček-Theater ihren Sitz und erhielt nach Eröffnung des neuen Opernhauses im Jahr 1965 seinen heutigen Namen nach dem Schriftsteller und Dramaturgen Jiří Mahen. In den Jahren 1971–1978 erfolgte eine umfangreiche Sanierung des Objektes, bei der die ursprüngliche Verzierung des Interieurs erneuert wurde und die Bühnentechnik und der technische Bereich gleichzeitig modernisiert wurden.

Karolína Králiková

Name
Mahen-Theater

Architekti/ky
Ferdinand Fellner ml., Hermann Gottlieb Helmer

Typ
Theater, Kino

Adresa
Malinovského náměstí 1/571, Brno

GPS
49.196195,16.613471

Literatur
Jiří Hilmera. Česká divadelní architektura. Praha, 1999.
Jiří Kotalík, Vladimír Hruška (eds.). Divadelní architektura v českých zemích 1650–1950. Praha, 2010.
Ort, Jiří. Budiž světlo žárové: 125 let elektrického divadelního osvětlení v Brně = Es werde glühend Licht : 125 Jahre der elektrischen Theaterbeleuchtung in Brünn. Budiž světlo žárové, 2007. ISBN 978-80-7239-215-5.
Španová Blanka. Brněnské divadlo ateliéru Fellner & Helmer.
Pavel Zatloukal. Brněnská architektura 1815–1915. Průvodce. Brno, Obecní dům Brno, 2006.


Prameny
https://encyklopedie.brna.cz/home-mmb/?acc=profil_domu&load=77
https://www.pamatkovykatalog.cz/mahenovo-divadlo-23096766