An der südöstlichen Front der neu abgesteckten Ringstraße entstand ganz am Anfang der siebziger Jahre des 19. Jahrhunderts an der Grenze des historischen Brünner Stadtkerns auf einem exponierten Grundstück ein monumentales Stadthaus, dessen gegliederte Fassaden seitdem das südöstliche Gesamtpanorama der Stadt mitprägen. Der in Bahnhofsnähe gelegene Bauplatz wurde in den Brünner Bauregulierungsplänen nach Beseitigung der Stadtbefestigungen für den Bau eines Hotels ausgewählt, und auch der Besitzer des Grundstücks Albert Holitzky hatte zunächst beabsichtigt, dort einen Hotelgasthof mit dem Namen Zum weißen Roß zu errichten. Seine Absicht hat er allerdings noch im Laufe des Jahres 1870 zugunsten eines großen Mietshauses mit geräumiger Bierschenke im Untergeschoss geändert. Auch hinsichtlich der komplizierten Geländekonfiguration des unebenen Baugrundstücks wurde der anspruchsvolle Bau mit 55 Wohnungen im Laufe des Jahres 1871 fertiggestellt. Die zeitgenössische Presse war vor allem von der großartigen, über die gesamte Gassenfront sich erstreckenden Bierhalle und der in der zweckmäßigsten Weise und aus vorzüglichstem Materiale von dem Tischlermeister J. Schandl ausgeführten inneren Ausstattung sowie von der doppelten Wasserleitung begeistert.
Das abfallende rechteckige Grundstück umfasste den Block eines vierflügeligen Hauses mit drei unterschiedlich hohen Fassaden – dreistöckig mit Hochparterre zur Straße Benešova, zweistöckig zur höher gelegenen Straße Josefská und eine Seitenfassade entlang einer breiten Treppe, welche den höher gelegenen Stadtkern mit der Ringstraße verband und gleichzeitig den erhabenen Beginn oder das Ende der Achse darstellt, die durch das stilisierte Tor der Eisenbahnunterführung zum industriellen Brünn hinter dem Bahnhofsgelände führte.
Die Fassade des Hauses wurde klassisch durch Gesimse und einen architektonischen Akzenten auf einer hohen Sockelzone, durch ein zweistöckiges Piano nobile und durch das oberste Stockwerk (ergänzt von einem heute nicht mehr existierenden Dachzwischengeschoss) strukturiert. Der zentrale Risalit der zur Straße Benešova gewandten Fassade trägt im ersten Stock über dem Rundbogenportal des Haupteingangs auf mächtigen Volutenkonsolen einen breiten, mit ornamentalem Metallgeländer versehenen Balkon. Die tektonische Grundstruktur der Fassaden wurde von einem bis ins kleinste Detail feinem Reliefdekor ergänzt – die Fensterachsen der Risalite rahmen Halbsäulen mit kannelierten Schäften, die auf kompositen und ionischen Kapitellen das einst mit dekorativen Vasen versehene Gesimsgebälk tragen. Die Füllungen der Fensterbrüstungen enthalten kompliziert geformte Baluster. Gesimse und Frontons werden von ornamentalen Konsolen gestützt, die mit Reliefornamenten versehene Felder abgrenzten. Die insgesamt sehr feierliche Komposition wurde von einem gegliederten, mit skulpturalen Verzierungen versehenen Giebel gekrönt, der sich in zentraler Lage über das vorspringende Dachgesims erhob. Errichtet und offenbar auch entworfen wurde das Haus wurde von dem Brünner Baumeister Robert Onderka (1838–1903), der aus der Troppauer Baumeisterfamilie Onderka stammte. Sein Vater, der Baumeister Anton Onderka, dessen Werk besonders mit Nordmähren und Schlesien verbunden ist, hatte sich 1848 bereits in Brünn niedergelassen. Robert Onderka hatte das Wiener Technikum (bei dem Experten für Denkmalrestaurierung Professor August Ottmar Essenwein) absolviert und in Brünn Mietshäuser in der Straße Veveří gebaut (nachweislich Veveří 34, 1879) sowie an mehreren Wettbewerben teilgenommen. Er war auch an der Restaurierung der Zderad-Säule und an der Erneuerung der St. Jakobskirche beteiligt. Der Bauherr Albert Holitzky (1822–1908) war seinerzeit eine respektierte Persönlichkeit mit buntem Lebenslauf. Der Sohn eines in der Wollfabrik von J. H. Offermann arbeitenden Tischlers verdiente nach dem vorzeitigen Ableben des Vaters seinen Lebensunterhalt in der Gastronomie und übernahm 1847 die Leitung des Restaurants im Laurenz Padowetz gehörenden Hotel Zum österreichischen Kaiser und betrieb ab 1857 an der Adresse Hlinky 112 bereits selbständig eine Gärtnerei, einen Obstgarten und Weinbaubetrieb. Holitzky war ein autodidaktischer Baumpfleger und erhielt auf Obstbau-Ausstellungen eine Reihe von Preisen (seine Auszeichnungen und Medaillen stiftete er der numismatischen Abteilung des Franzensmuseums). Ab 1902 lebte dieser Immobilienbesitzer, Obst- und Weinbauer bis zu seinem Tode zurückgezogen in seinem Haus in der Straße Benešova 22. Im Jahr 1915 verkauften Alberts Kinder Heinrich, Marie und Albertine das Haus an die Eheleute Johann und Karoline Wladik. Ab 1918 gehörte das Objekt der Aktienbank Bohemia, und 1924 hat schließlich die tschechoslowakisch-französische Aktienversicherung Merkur das Haus für ihre Brünner Filiale erworben. Merkur hat das Haus um einen zweistöckigen Aufbau bedeutend erweitert, mit dessen Entstehung allerdings viele Unklarheiten verbunden sind. Erhalten geblieben ist nämlich eine auf das Jahr 1924 datierte Plandokumentation des Aufstockungsprojektes, das nicht nur den Stempel und die Unterschrift des Direktors der Brünner Filiale von Merkur enthält, sondern auch die des ausführenden Baumeisters Franz Pawlu. Der berühmte Brünner Bauunternehmer Franz Pawlu war allerdings 1922 verstorben (sein gleichnamiger Sohn war Kunstmaler). Der Aufbau wird in der Literatur gleichzeitig mit dem Architekten Jindřich Kumpošt in Verbindung gebracht, der ihn 1926 entworfen haben soll. Kumpošt hat 1937 Änderungen im Raum zwischen dem Firmensitz der Merkur und dem Grandhotel durchgeführt, seine Beteiligung am Aufbau ist jedoch bereits wegen der genauen Angaben in den oben erwähnten Bauplänen strittig. Die stilistische Verwandtschaft des hohen lapidaren, von einer Zinnenattika abgeschlossenen Aufbaus mit einigen Entwürfen von Kumpošt aus den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts ist jedoch offensichtlich. Durch den Aufbau erhielt Holitzkys Haus einen anderen architektonischen Ausdruck; die edle Komposition der Baumasse des historisierenden Palais wurde zugunsten eines vertikalen Akzentes verletzt – das von Zinnen gekrönte Monument blickt auf die Umgebung nach Art einer modernistischen Burg herab.
Aleš Homola