Besední dům – vom Einsatz für die Nation zu feministischen Stimmen

Das “Besední dům” (Begegnungshaus), das zwischen 1870 und 1873 als Zentrum des tschechischen Nationallebens in Brünn erbaut wurde, diente um 1900 auch als Treffpunkt für Versammlungen von Aktivistinnen, bei denen eine Reihe bedeutender Initiativen ins Leben gerufen wurde. Im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts kam es zu einer deutlichen politischen Emanzipation sowohl der tschechischen als auch der deutschen Nationalbewegung. Der Nationalismus wandelte sich nach und nach von einem überwiegend kulturellen Projekt der Eliten zu einem von der breiten Masse geteilten Wert, der das politische Handeln und die wirtschaftlichen Strategien der Bevölkerung prägte. Ein Beweis für die “festen Barrikaden“ zwischen den Brünner Tschechen und Deutschen war auch die Existenz des “Besední dům” und des Deutschen Hauses, die zu natürlichen politisch-gesellschaftlichen Zentren der hier ethnisch gespaltenen Bevölkerung wurden.

Schutzvereine

Ein sichtbares Zeichen der zunehmenden nationalen Spannungen in der Bevölkerung war die Gründung sogenannter Schutzvereine. Es handelte sich um Massenvereine auf nationaler Grundlage, deren Tätigkeit alle Lebensbereiche umfasste – von der Politik, insbesondere der Kommunalpolitik, über die Wirtschaft bis hin zur Kultur. Ihr Ziel war es, den Einfluss der tschechischen bzw. deutschen Bevölkerung vor allem in jenen Regionen zu stärken, in denen es nicht möglich war, die nationalen Gegensätze zu überbrücken. Am deutlichsten traten sie daher im Bildungswesen in Erscheinung. Zu den bedeutendsten Vertretern dieser Vereine gehörten in Brünn beispielsweise die “Brünner Schulvereinigung” (Brněnská Matice školská), die “Nationale Einheit für Südwestmähren” (Národní jednota pro jihozápadní Moravu), der Bund der Deutschen Südmährens oder der Bund der Germanen. Im Gegensatz zu den älteren Eliteklubs hatten die Schutzvereine eine Massenbasis und lagen in der Größenordnung von Hunderten bis Tausenden Mitgliedern. Diese rekrutierten sich nicht nur aus den Reihen der Elite, sondern nun auch aus den unteren und bürgerlichen Gesellschaftsschichten. Wichtig war, dass diese Vereine, im Gegensatz zur überwiegenden Mehrheit der bestehenden, Frauen in ihre Reihen aufnahmen. Es muss jedoch gesagt werden, dass trotz der neuen Möglichkeiten für Frauen, sich am politischen Geschehen zu beteiligen, ihre Rolle in diesen Vereinen recht stereotyp verstanden wurde – Frauen waren hier vor allem als Mütter einer künftigen, nationalbewussteren Generation engagiert.

Das relativ traditionell geprägte Modell, bei dem Frauen in den Augen dieser Vereine zunächst als ungenutzte, noch „schlummernde Humanressource“ galten und anschließend vor allem hinter den Kulissen tätig waren, begann sich unter dem Einfluss der gesellschaftlichen Liberalisierung und der turbulenten Veränderungen um das Jahr 1900 herum zugunsten der Stimmen für die Bürgerrechte der Frauen zu wandeln. An der Spitze dieser Bemühungen stand die Brünner “Frauenabteilung der Nationalen Einheit für Südwestmähren” (Dámská pobočka Národní jednoty pro jihozápadní Moravu). Im September 1898 fand im “Besední dům” eine Versammlung statt, die an den ersten Kongress mährischer und schlesischer Vereine überhaupt anknüpfte und deren Ziel es war, die bis dahin zersplitterte Frauenbewegung zu einen. Auf der Grundlage dieses Treffens entstand später die sogenannte “Mährisch-Schlesische Frauenorganisation” (Moravsko-slezská organizace ženská), die einen ähnlichen Zweck verfolgte wie das in den Medien bekanntere “Prager Frauenstimmrechtskomitee” (Výbor pro volební právo žen), das sich um Františka Plamínková gebildet hatte Im März 1901 fand unter der Schirmherrschaft der genannten Frauenorganisation im “Besední dům” ein weiteres Frauentreffen statt, bei dem sich die Mährinnen zum „Kampf für die nationale Emanzipation“ und zur politischen Zusammenarbeit mit Männern bekannten. Die Rednerin Eliška Machová, Aktivistin und zu dieser Zeit bereits pensionierte Lehrerin an der “Vesna”-Schule, musste während ihrer flammenden Rede mehrmals vom anwesenden Polizeikommissar gemildert werden. Aus der Versammlung gingen Forderungen nach einem konsequenten Schutz der tschechischen Sprache, des nationalen Charakters und des tschechischen Eigentums durch die Frauen hervor. Frauen sollten beim Einkaufen deutsche Geschäfte boykottieren und so die wirtschaftliche Lage der Tschechen verbessern. Vier Jahre später, am 13. Oktober 1905, organisierte die “Frauenabteilung der Nationalen Einheit für Südwestmähren” eine Frauenversammlung zur Gründung einer tschechischen Universität in Mähren. Eliška Machová forderte hier unter dem Eindruck der anhaltenden tschechisch-deutschen Unruhen nicht nur die Gründung einer tschechischen Universität in Mähren, sondern auch das aktive Wahlrecht für Frauen, für dessen Anerkennung hier eine Petition unterzeichnet wurde. Das “Besední dům” beherbergte jedoch nicht zum letzten Mal engagierte Frauen. Zu den weiteren wichtigen Versammlungen, die im “Besední dům” stattfanden, gehörte auch die Protestversammlung der Frauen am 1. April 1912 gegen die Absicht der Wiener Regierung, Frauen das Wahlrecht zu verweigern, mit der Begründung, dass Frauen keinen Wehrdienst leisten. Sicherlich nicht die letzte, aber nicht weniger wichtige Veranstaltung war der Demonstrationskongress der mährischen Frauen, der im August 1928 im Rahmen der Ausstellung für zeitgenössische Kultur auf dem Brünner Messegelände organisiert wurde. Der Kongress der mährischen Frauen im “Besední dům” zog Bilanz darüber, was im Bereich des Feminismus bereits erreicht worden war und was noch zu tun blieb.

Hana Krutílková, Moravské zemské muzeum

Name
Besední dům – vom Einsatz für die Nation zu feministischen Stimmen

Architekt
Theophil von Hansen

Adresse
Komenského náměstí 8/534, Brno

GPS
49.196246,16.604169

Literatur
Heslo Besední dům na BAM.Brno. Dostupné z: https://www.bam.brno.cz/objekt/4465-besedni-dum-filharmonie-brno