St. Wenzelskapelle

B085

Der Brünner Stadtteil Žabovřesky und sein Katastergebiet besteht aus zwei historischen Dörfern. Žabovřesky selbst entstand bereits im 12. Jahrhundert am heutigen Platz Rosického náměstí, wo sich der bis heute klar erkennbar kleine Dorfplatz mit einem ihn umgebenden Netz kleiner Straßen befindet. Östlich von Žabovřesky stand ein freistehender Wirtschaftshof und lagen die Grundstücke des Kartäuserklosters. Während der Reformen der Aufklärung wurde der Hof des Königsfelder Kartäuserklosters aufgelöst, seine Grundstücke in Parzellen aufgeteilt und an Bauernfamilien abgetreten. Auf diese Weise entstand 1788 an der heutigen Straße Horova die Siedlung Vinohrádky (ungefähr ab der Straße Stránského bis zum Platz Burianovo náměstí). Im Laufe der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden beide Weiler durch die Bebauung miteinander verbunden und bildeten dadurch die Grundlage für ein großes Vorstadtdorf, das 1919 in Brünn eingemeindet wurde. Nach der Gründung von Vinohrádek errichteten die dortigen Bewohner fast mitten in der Siedlung, die man sich ungefähr an der heutigen Straßenbahnhaltestelle Mozolky vorstellen kann, einen hölzernen Glockenturm. Dieser wurde im ersten Viertel des 19. Jahrhunderts durch eine dem heiligen Wenzel geweihte kleine Kapelle ersetzt. Jedoch war auch dieser Bau nicht groß genug für die zunehmende Zahl an Gläubigen. In der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts nahm die Bebauung entlang der nach Brünn führenden Straße immer mehr zu, an der an einer Kreuzung die Grundlage des heutigen Platzes Burianovo náměstí entstand (im Jahr 1907 Komenského náměstí). Diese Stelle wurde für den Bau einer neuen geräumigeren Kapelle ausgewählt, welche die Gemeinde Žabovřesky und ihre Siedlung Vinohrádky 1906 errichten ließen. Entwurf und Baudurchführung der St. Wenzelskapelle stammen von dem örtlichen Baumeister Tomáš Němeček. Bislang ist uns nicht viel über ihn bekannt, es ist jedoch sehr wahrscheinlich, dass er auch am Bau der in historisierendem Stil errichteten Familienhäuser in Žabovřesky beteiligt gewesen war, die dort in diesem Zeitraum im großen Stil entstanden waren. Auch die Kapelle ist ein Beispiel für den auf der traditionellen Architektur der Renaissance und des Barock basierenden Späthistorismus. Der Bau hat alles, was eine kleine Dorfkapelle benötigt – ein kleines Schiff, das die Gläubigen in den Gottesdiensten leicht aufnimmt, und einen Turm an der Vorderfront, in dem die unverzichtbare Glocke aufgehängt werden konnte. In den Jahren 2008–2009 fertigte der bekannte Brünner Holzbildhauer Jiří Netík für die Kapelle zwei neue Statuen an, im Jahr 2018 wurde eine groß angelegte Renovierung abgeschlossen, nach welcher die Kapelle auch weiterhin für Gottesdienste benutzt werden kann. Tomáš Němeček hat jedoch nicht nur in Žabovřesky eine Kapelle gebaut, sondern zwei Jahre später auch die Kapelle zur Heiligen Familie im Brünner Stadtteil Kohoutovice. Bei ihr handelt es sich im Grunde genommen um eine leicht modifizierte Kopie der St. Wenzelskapelle, die um einen flachen Anbau ergänzt wurde. An ihr wird die damalige Baupraxis der örtlichen Planer gut aufgezeigt, die im Grunde genommen serienmäßig arbeiteten und sich dabei nur minimal den Forderungen der Bauherren anpassten. Němeček war ab 1906 auch an der Herz-Jesu-Kirche im Brünner Stadtteil Husovice als Baumeister tätig, einem Bau mit ausgeprägtem Jugendstilcharakter, von dem er sich jedoch bei der Umsetzung seiner eigenen Entwürfe nicht im Geringsten beeinflussen ließ. Die St. Wenzelskapelle in Žabovřesky zählt zu den typischen Beispielen der ländlichen Architektur zur Wende des 19. und 20. Jahrhunderts, die durch einen strengen Historismus in Erscheinung trat und nur wenig von den neuen Tendenzen des Jugendstils beeinflusst war. Zusammen mit dem älteren gusseisernen Kreuz (das offenbar erst nachträglich in die Kapelle kam) und dem Gefallenendenkmal aus dem Jahr 1924 bilden sie auf dem Platz Burianovo náměstí ein Denkmalensemble, das an die selbständige Gemeinde Žabovřesky und die Siedlung Vinohrádky erinnert, die vom sog. Groß-Brünn geschluckt wurden.

Matěj Kruntorád

Name
St. Wenzelskapelle

Kode
B085

Typ
Sakralbau

Adresa
Burianovo náměstí 1908/4, Brno

GPS
49.211972,16.578587

Prameny
https://pamatkovykatalog.cz/kaple-sv-vaclava-1259491
https://encyklopedie.brna.cz/home-mmb/?acc=profil_domu&load=976