Stadthof

Mit dem Bau der Brünner Ringstraße wurde nach der Zerstörung der Stadtbefestigung am Altbrünner Tor begonnen. Nach den Plänen aus den fünfziger Jahren des 19. Jahhrhunderts sollte an der Mündung der Straße Pekařská ein neuer Platz mit einem Brunnen und zwei gegenüberliegenden Neubaublöcken entstehen, von denen einer ein Mietwohnhaus sein und dazu beitragen sollte, die Wohnungsnot einzudämmen. Der definitive Plan für den neuen Platz wurde Ende 1853 von den Angestellten des Stadtbauamtes Ferdinand Kraus und Wenzel Stolz ausgearbeitet, die auch zuvor bereits erste (nicht ausgeführte) Entwürfe für ein Wohnobjekt vorgelegt hatten. Das Brünner Rathaus hatte daraufhin jedoch die renomierten Wiener Architekten Eduard van der Nüll und August Sicard von Sicardsburg um die Ausarbeitung eines Entwurfs für das Gebäude gebeten. Man hat sich zweifellos deshalb an sie gewandt, weil beide jungen Architekten, die in einem gemeinsamen Architektenbüro arbeiteten, zu jener Zeit in Wien das erste Beispiel eines neuen Bautyps für einen Wohnblock – den Roberthof – projektierten, der 1855 fertiggestellt wurde. Die Grundrisslösung, bei der vier Flügel um einen Innenhof, den sog. Wohnhof, gruppiert wurden, erfreute sich in den anschließenden Jahrzehnten im Wiener und Brünner kulturellen Umfeld großer Beliebtheit. Da Eduard van der Nüll und August Sicard von Sicardsburg anderweitig sehr beschäftigt waren, konnten sie den Auftrag nicht annehmen, weswegen sie dem Brünner Bürgermeister Haberl ihren Schüler Franz Fröhlich empfahlen: „Dürfen wir uns noch einen Vorschlag erlauben, um die bereits getroffenen Voreinleitungen nicht ins Stocken zu bringen; so wäre der, Ihr gütiges Vertrauen für diese Angelegenheit Herrn Franz Fröhlich einen unseren früheren Schüler nun ebenfalls Lehrer an der k.k. Academie der bildenden Künste zuwenden zu wollen, für dessen Ehrenhaftigkeit und Tüchtigkeit als Künstler und Bereitwilligkeit zu den von uns ausgesprochenen Bedingungen ungesäumt an die Vollführung des Auftrages zu gehen, wir bürgen könnten.“ (Brief vom 17. 12. 1852, AMB, Bestand A 1/22, Inv.-Nr. 3942, Kart. 660). Franz Fröhlich hat den Auftrag direkt angenommen und 1853 den Entwurf für den Bau eines „Städtischen Hauses am Franzensberg“, wie das Objekt in den Quellen genannt wurde, erstellt. Das ausgedehnte Gebäude wurde 1855 fertiggestellt. Vor ihm sollte den ursprünglichen Plänen für den Platz entsprechend auch ein Brunnen mit figuraler Bildhauerverzierung stehen, die der Wiener Bildhauer Vinzenz Pilz anfertigen sollte, der jedoch nicht errichtet wurde.

Der Stadthof ist ein dreistöckiger Gebäudeblock, bei dem vier Flügel den rechteckigen Innenhof umschließen. Die von einer Bossierung definierte hohe Sockelzone umfasst das Erdgeschoss und ein Mezzanin. Alle vier Fassaden werden von mit Armierungen und einem Attikaaufbau versehenen Eckrisaliten verstärkt, was der Architektur Festungscharakter verleiht. „...wie eine Burg das neue Stadthaus“ (Neuigkeiten, 27. 5. 1855, S. 1). An jedem dieser Eckrisalite ist noch ein Erker angebracht, der im zweiten Obergeschoss durch einen Balkon offen ist. Die Hauptfassade des Gebäudes ist zum Platz Šilingrovo náměstí gewandt und wird von einem dreiteiligen Eingangsportal dominiert, über dem sich ein von Kragsteinen gestützter Balkon befindet. Ähnlich dominant sind auch die Balkone im ersten Obergeschoss der Seitenfassaden. Diese Rhythmisierung der Fassaden mithilfe unterschiedlich geformter Balkone war gleichfalls ein Motiv, das in der Brünner Architektur der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts heimisch wurde. Alles wird von einem mächtigen ausgekragten Dachgesims abgeschlossen, das ebenso robust ist, wie die übrigen architektonischen Elemente. Die Fassade zieren romantische Ornamente aus vorgefertigten Elementen aus Terrakotta oder Gusseisen, die wahrscheinlich in der Tonwarenfabrik von Anton und Ignaz von Doblhoff in Wagram hergestellt wurden. Das subtile Dekor, das besonders stilisierte Blüten- und Sternenmotive in Kreisen oder Quadraten und Blattwerkbänder variiert, konzentriert sich meist um die Fenster und in den Friesen der horizontalen Gesimse. Die ursprüngliche Raumaufteilung des Objekts umfasste eine Skala unterschiedlich großer Wohnungen. Die Verkehrswege im Gebäudeinnern deckten eine von der Hausdurchfahrt aus führende Treppe sowie weitere Treppen ab, die vom Hof aus Zugang zu jedem Flügel bieten. Der Hof selbst hat einen ausgeprägten mediterranen Charakter. 

Stilistisch lässt sich die Architektur des Gebäudes dem romantischen Historismus zuordnen, bei dem an Objekten mit symmetrischem Grundriss und einer mächtigen Baumasse ein Dekor mit vornehmlich italienischen mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Formen Verwendung fand. Der Stadthof stellt somit eines der ersten Beispiele für monumentale historisierende Bauwerke in Brünn dar. Das städtische Mietshaus am Franzensberg war auch der erste Bau, der den Wiener-Brünner aktualisierten Bautyp des Wohnhofs in den Stadtkern brachte, der später von einer Reihe weiterer Neubauten in der Umgebung übernommen wurde und effektiv zur Lösung des dringenden Mangels an neuen Wohnungen beitrug, der durch das stetige Wachstum der Stadtbevölkerung verursacht wurde. Nach Fertigstellung wurde der Stadthof zu einem sehr bekannten und von seinen Zeitgenossen geschätzten Neubau und zu einer sehr renommierten Brünner Adresse. „Ich zeigte meinem Gefährten das neue Gebäude, welches der Bezirk der inneren Stadt herstellen läßt und das eine Zierde dieser Stadttheile werden wird. Obwohl die Gerüste zum Theil die Formen desselben verdecken, so kann man wahrnehmen, daß sie ein poetischer Gedanke geschaffen und daß der Baukünstler ein schönes, stattliches Gebäude erbauen wollte, das so wohl gelegen, nicht verfehlen wird, Eindrücke in der Seele der Spaziergänger hier am Franzensberge zu machen.“ (Neuigkeiten, 29. 12. 1854, S. 1.) Die bewegten und poetischen Kommentare von damals waren von Überlegungen über die Zusammenhänge zwischen der italienischen Renaissance und der Brünner Gegenwart beherrscht „Ernsthaft und pathetisch sprach ich sodann zum Gelehrten: Sie haben mir von dem hohen Geist erzählt, der in den Communen Italiens so großartige Bauten zum Zwecke der Bildung, der Kunst, der Wohltätigkeit oder zur würdigen Repräsentation der Gemeinde durch ein Bauwerk hervorgebracht.“ (Neuigkeiten, 29. 12. 1854, S. 1.) Die Beliebtheit des Stadthofs beruhte auf seiner vorteilhaften Lage in der Nähe eines Promenaden- und Aussichtsparks auf dem Franzensberg. In ihm wohnten Angehörige der Eliten des Landes und der Stadt, und ab 1860 hatte dort die Landesbaudirektion ihren Sitz. Den Bau des Gebäudes besorgte der Baumeister Moriz Kellner von Brünnheim, der 1857 den dreistöckigen halben Gebäudeblock seines Mietshauses in der Straße Husova 3 anschloss, das die freie Sicht zum Obelisken auf dem Franzensberg abgrenzt, wodurch dieser symbolische Ort auf beiden Seiten von neuen exklusiven Wohnbauten umgeben war.

Im Jahr 1870 ist der von Johann Gregor Mendel gegründete Naturforschende Verein aus der Deutschen Realschule in den Stadthof umgezogen. Dort hatten auch das Kreisgericht ebenso wie das Oberlandesgericht und das Landesgericht sowie das Landesgericht für Zivilrechtssachen ihren Sitz. Ab der zweiten Hälfte der dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts war auch das Museum der Stadt Brünn darin untergebracht, das 1960 auf den Spielberg verlegt wurde. Anschließend wurde das baufällig werdende Gebäude von verschiedenen Institutionen genutzt, wie von der stomatologischen Klinik, der Polizei oder vom Bauamt. In den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts war der baufällige Zustand des leeren Objekts fast gefährlich. Im Jahr 2009 wurde der Stadthof von der Stadt an die spanische Firma Comsa verkauft, die ihn zu einem Hotel umbaute, wobei der Innenhof überdacht wurde. Im Dezember 2011 begann die Firma Comsa mit der spanischen Hotelkette Barceló Vorverkaufsverhandlungen zu führen. Die Eigentumsübertragung war von Gerichtsstreitigkeiten begleitet. Die Hotelkette Barceló betreibt dort ab 2012 eines ihrer Hotels.

Pavla Cenková

Name
Stadthof

Architekt
František Fröhlich

Typ
Stadtpalais

Adresa
Biskupská 265/2, Brno

GPS
49.191883,16.605771

Literatur
Pavel Zatloukal. Brněnská okružní třída. Brno, 1997. s. 39, 48−49.
Pavel Zatloukal. Příběhy z dlouhého století. Architektura let 1750–1918 na Moravě a ve Slezsku. Olomouc, 2002. s. 234−235.
Pavel Zatloukal. Brněnská architektura 1815–1915. Průvodce. Brno, Obecní dům Brno, 2006. s. 38.
Zatloukal, Pavel. Od obelisku k střídmosti: brněnská architektura 19. století. 2025. s. 53–57. ISBN 8075994841.


Prameny
Dopis ze 17. 12. 1852. Archiv města Brna. inv. č. inv. č. 3942, kart. 660.