Die Entbindungsklinik am Obilní trh und die medizinische Ausbildung von Frauen

Die Versorgung von Müttern und Neugeborenen erfuhr im Laufe des 19. Jahrhunderts tiefgreifende Veränderungen. Aus der traditionell zu Hause von Hebammen ausgeübten Tätigkeit wurde nach und nach ein Bereich, der von der institutionellen Medizin und qualifizierten Ärzten – Männern – kontrolliert wurde. Diese Entwicklung betraf vor allem die großen Städte; auf dem Land gebaren Frauen noch Mitte des 20. Jahrhunderts mit Hilfe dieser Geburtshelferinnen. Die Anfänge der institutionalisierten Geburtshilfe in Brünn sind mit der Gründung der Entbindungsklinik, des Findelhauses und des Waisenhauses am St.-Anna-Krankenhaus in der Pekařská-Straße verbunden, die 1786 unter der Herrschaft von Joseph II. ihren Betrieb aufnahmen. Mit dem allmählichen Bevölkerungswachstum im sich industriell entwickelnden Brünn reichte die Kapazität der Einrichtung jedoch nicht mehr aus. Im Jahr 1856 wurden die Entbindungsklinik, das Findelhaus und das Waisenhaus daher in drei gemietete Häuser in der heutigen Křenová-Straße verlegt, deren hygienische Bedingungen jedoch sehr unzulänglich waren. Im Jahr 1878 wurde Hubert Riedinger Direktor der Entbindungsklinik; er setzte sich maßgeblich für die Gründung der Entbindungsklinik am Obilní trh ein, die im November 1888 in Betrieb genommen wurde und an der auch die von Riedinger neu gegründete Hebammenschule – also eine weiterführende Fachschule für die Ausbildung von Hebammen (die ursprünglich einen eigenen Flügel innerhalb der Entbindungsklinik haben sollte, was jedoch aus Kostengründen nicht realisiert wurde).

Bis zum Jahr 1900 war Frauen in Österreich-Ungarn der Zugang zum Medizinstudium verwehrt; Platz fanden sie daher nur in der gynäkologischen Versorgung und in der Geburtshilfe, wo eine Tätigkeit mit einer fachlichen Ausbildung möglich war. Die Geburtshilfe war somit einer der wenigen Bereiche der institutionalisierten Medizin, in denen sich Frauen verwirklichen konnten. Die Existenz der Landesgeburtsklinik in Brünn gab den Anstoß zur Gründung einer Berufsorganisation für Hebammen. Ihre älteste Plattform war die Vereinigung österreichischer Hebammen in Brünn, gegründet 1906, deren Zweck die Förderung der materiellen und intellektuellen Interessen ihrer Mitglieder, die Unterstützung bei Krankheit und Tod, die Gewährung von Rechtsschutz bei der Ausübung des Berufs usw. war. Der Verein wurde zur Dachorganisation der Hebammen aus Böhmen, Mähren und Schlesien. Im  Verein waren ursprünglich sowohl tschechische als auch deutsche Hebammen. Mit zunehmenden nationalen Spannungen zerfiel diese gemeinsame Plattform jedoch bald: Bereits 1909 spaltete sich daraus die “Zentrale Vereinigung tschechischer Hebammen” (Ústřední jednota českých porodních babiček) ab, ein landesweiter Verein mit Sitz in Brünn, der tschechische Hebammen aus Mähren und Schlesien vereinte. Auf dem Gebiet der Stadt Brünn gab es seitdem gleich zwei sehr ähnliche Fach- und zugleich Gewerkschaftsverbände, die sich um die Weiterentwicklung der Qualifikation des Hebammenberufs kümmerten. Seit 1908 erschien hier auch die Fachzeitschrift Hebammen-Zeitung mit dem Untertitel Organ der Vereinigung österreichischer Hebammen mit Sitz in Brünn.

Zeitgleich öffnete sich, wenn auch nur sehr langsam, die Möglichkeit einer medizinischen Ausbildung auch für Frauen. In Brünn tauchten die ersten Ärztinnen, Absolventinnen der Karl-Ferdinand-Universität, erst um das Jahr 1910 auf. Die erste Ärztin mit eigener Praxis in Brünn war Dr. Marie Peigerová, die hier eine Privatpraxis eröffnete und eine enge Zusammenarbeit mit dem Frauenverein „Vesna“ und der Landesgeburtsklinik aufnahm. Obwohl uns selbst grundlegende Forschungsergebnisse zu diesem Thema fehlen, ist offensichtlich, dass sich MUDr. Peigerová auf weibliche Patienten und insbesondere auf den Bereich der gynäkologischen und geburtshilflichen Versorgung konzentrierte. Diese Situation änderte sich sehr langsam nach der Gründung der Masaryk-Universität im Jahr 1919, als die medizinische Fakultät zu einer ihrer Gründungsfakultäten wurde und allmählich auch Studentinnen aufnahm. Etwas günstiger war die Situation in den geisteswissenschaftlichen Fächern, die der Aufnahme von Frauen gegenüber aufgeschlossener waren; dennoch handelte es sich in der Zwischenkriegszeit im Gegensatz zu heute nur um einen Bruchteil der weiblichen Bevölkerung, der eine universitäre Ausbildung erlangte.

Hana Krutílková, Moravské zemské muzeum

Name
Die Entbindungsklinik am Obilní trh und die medizinische Ausbildung von Frauen

Architekt
Valentin Neusser

Typ
Gesundheits-, Sozial- und Kureinrichtung

Adresse
Obilní trh 526/11, Brno

GPS
49.199055,16.596309

Literatur
Zemská porodnice v Památkovém katalogu. Dostupné z: https://pamatkovykatalog.cz/zemska-porodnice-18393322
Heslo Zemská porodnice na BAM.Brno. Dostupné z: https://www.bam.brno.cz/objekt/4520-zemska-porodnice