Das Arbeiterhaus in Juliánov – Sozialistinnen im Kampf für ihre Rechte

Die rasante Industrialisierung Brünns, das Bevölkerungswachstum in den Vororten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und der damit verbundene Wandel der Lebensweise führten zu einem Anstieg der Frauenarbeit in den Fabriken. Diese Arbeit entsprach nicht den damaligen bürgerlichen Idealen, an denen sich paradoxerweise auch die Arbeiterklasse orientierte – selbst Frauen aus den unteren Schichten sollten sich nach Ansicht ihrer Partner in erster Linie um die Kindererziehung kümmern.

Im Arbeitermilieu war es jedoch nicht möglich, ohne das Einkommen der Frauen auszukommen – Familienideale, in der der Mann Geld verdient und die Frau sich um die Kinder kümmert, wurden pragmatisch beiseitegeschoben – ganze Branchen, typischerweise die Textil- oder Lebensmittelindustrie, kamen ohne Frauenarbeit nicht aus.

In der Regel handelte es sich um unqualifizierte, schlechter vergütete und daher auch weniger angesehene Berufe, die Frauen ausübten, und zwar ohne Anspruch auf Dinge, die heute völlig selbstverständlich sind – Krankenversicherung, Anspruch auf würdigen Mutterschaftsurlaub, Arbeitssicherheit usw.

Das Arbeiterhaus in Juliánov ist heute eines der wenigen Denkmäler der großen Arbeiterbewegung in Brünn. Diese multifunktionalen Häuser, die meist in den Wohngebieten der Arbeiter errichtet wurden, boten Raum für Diskussionen, Organisation, Bildung oder auch gemeinsame Sportübungen. Die Arbeiterhäuser waren natürlich auch Orte, an denen sich arbeitende Frauen versammelten und organisierten.

Berufstätige Frauen gründeten in Brünn im Vergleich zum gesamten Österreich-Ungarischen Reich sehr früh – bereits ab den 1870er Jahren – eigene Vereine oder traten Fach- und Gewerkschaftsvereinen bei, deren Ziel es war, ihre Mitglieder materiell abzusichern und sie beispielsweise im Krankheitsfall oder bei Entlassung zu versorgen. Zunächst traten sie bestehenden Vereinen mit männlicher Mitgliederbasis bei, später gründeten sie eigene Frauenvereine. Zu den ersten, die Frauen als Mitglieder aufnahmen, gehörte beispielsweise der Arbeiterbildungsverein, aus dem sich 1872 der Arbeiterinnen-Bildungsverein abspaltete, der jedoch bereits drei Jahre später wieder aufgelöst wurde. In den 1870er Jahren organisierte auch der Manufaktur Arbeiter und- Arbeiterinnen Verein Frauen, und im folgenden Jahrzehnt knüpften der Manufakturverein sowie die Brünner Allgemeine Arbeiter Kranken und Invaliden Kassa an diese Tätigkeit an. Zwischen 1888 und 1895 war in Brünn die “Arbeiterinnenvereinigung der Wollabteilung” (Jednota dělnic vlnařského odboru), ein Gewerkschaftsverband für die Brünner Textilarbeiterinnen, tätig. Deren Funktionärinnen standen auch hinter der Herausgabe des „Ženský list“ (Frauenblatt), der ersten tschechischen sozialistischen Zeitschrift für Arbeiterinnen in den tschechischen Ländern, deren Redaktion später von Brünn nach Prag verlegt wurde. Zwischen 1889 und 1893 entstand parallel dazu der Frauen-Fortsbildungsverein, in dem sich deutsche Sozialistinnen aus Brünn und Umgebung zusammenschlossen. Beide genannten Vereine lösten sich aus personellen, finanziellen und anderen Gründen auf, zu denen auch die allgemein schwache Verhandlungsposition der Frauen innerhalb der Arbeiterbewegung gehörte.

Der Bau des Arbeiterhauses in Juliánov Ende der 1890er Jahre traf die Arbeiterinnenbewegung somit in einer Phase vorübergehenden Niedergangs, der durch den ideologischen Streit darüber verursacht wurde, ob sich Frauen in eigenständigen Arbeiterinnenvereinen organisieren und „eine eigene Stimme haben“ sollten, oder ob sie Mitglieder geschlechtergemischter Arbeitervereine werden, von ihren männlichen Kollegen lernen, ihnen aber gleichzeitig nur zur Seite stehen sollten. Im Dezember 1897 wurde in den Räumlichkeiten des neu errichteten Arbeiterhauses die erste Konferenz der Arbeiterinnen in Mähren und Schlesien einberufen, aus der der Vorschlag hervorging, eigenständige Frauenstrukturen innerhalb der Sozialdemokratischen Partei wiederzubeleben. Diese wurden in Brünn durch die neu gegründete „Vereinigung der Frauen und Mädchen“ vertreten, die trotz ihres unscheinbaren Namens die Arbeiterinnenvereine im Raum Brünn politisch organisierte und gleichzeitig vor 1914 die Exekutive der sozialistischen Frauenorganisation für ganz Mähren und Schlesien bildete, der die einzelnen regionalen Frauensekretariate unterstanden. Das Arbeiterhaus bildete den natürlichen Sitz dieses Zentrums.

Hana Krutílková, Moravské zemské muzeum

Name
Das Arbeiterhaus in Juliánov – Sozialistinnen im Kampf für ihre Rechte

Typ
Kulturbau

Adresse
Jamborova 3323/65, Brno

GPS
49.195965,16.65036

Literatur
Dělnický dům v Památkovém katalogu. Dostupné z: https://pamatkovykatalog.cz/delnicky-dum-18992577