Experimentelles Wohnhaus

D194

In Brünn wurden im Rahmen des ersten gesamtstaatlichen experimentellen Bauvorhabens zwei Versuchsprojekte durchgeführt – ein Wohnhaus in der Straße Vinařská und ein Wohnkomplex in der Straße Křídlovická. In beiden Fällen war František Zounek Co-Autor, der damals beim Staatlichen Planungsinstitut für den Aufbau von Städten und Dörfern beschäftigt war. Der Entwurf des ersten Brünner Experiments basierte auf einem vom Direktor des nationalen Hochbaubetriebs Pozemní stavby Josef Šimek 1958 in der Tageszeitung Rovnost ausgeschriebenen öffentlichen Wettbewerb. Das in den dicht bewachsenen Gärten in der attraktiven Umgebung des damaligen Jirásek-Viertels (heute Masaryk-Viertel) mit zwischenkriegszeitlicher und historisierender Villenbebauung aus dem neunzehnten Jahrhundert gelegene vierstöckige Haus intimen Maßstabs sollte die Möglichkeiten des Gussbetonverfahrens erproben. Die Durchführungsdokumentation wurde in der Projektverwaltung des Hochbaubetriebs Pozemní stavby in Zusammenarbeit mit dessen Entwicklungsabteilung unter Heranziehung der mit der Errichtung eines vergleichbaren Hauses in Bratislava gemachten Erfahrungen ausgearbeitet. Das Haus mit zwei Sektionen und dreizehn Wohnungen wurde als Schachtelkonstruktion mit tragenden Trennwänden aus Gussbeton und monolithischen Deckenplatten aus Stahlbeton mit kurzer Spannweite gelöst. Die Hauptabsicht des Projektes bestand in der Erzielung einer Universalität in der Orientierung des Hauses, einer Variabilität der Bebauung bei der angewandten Technologie (bis zu acht Stockwerken), einer Qualitätsverbesserung der Bewohnbarkeit der Wohnungen durch eine größere Anzahl an Wohnräumen, in der Möglichkeit einer Austauschbarkeit der verfahrenstechnischen Arten und Weisen des Baus und der Konstruktionsmaterialien aber auch in einer Verbesserung der Voraussetzungen für die ästhetische Wirkung des Wohnraums unter Einhaltung der für eine Wohneinheit vorgeschriebenen Kosten. Ein wichtiger Ausgangspunkt war also Sparsamkeit, worauf in zeitgenössischen Texten hingewiesen wird, die eine beträchtliche Senkung des Verbrauchs von Baustoffen hervorheben. Zouneks und Rudišs Entwurf wurde auch auf der Ausstellung Zehn Jahre Wohnungs- und Bürgerbau in den Arbeiten des Kreisplanungsinstituts in Brünn im Haus der Kunst der Stadt Brünn als Beispiel für eine radikale Einsparung von Material vorgestellt. Eine beträchtliche Aufmerksamkeit wurde dem Haus nicht nur aus technologischer Sicht entgegengebracht, sondern auch im Hinblick auf die neu eingestellte Wohnungspolitik des Staates, da es sich auf Brünner Gebiet um eines der ersten Beispiele für Genossenschaftsbauten handelte. Das Objekt wurde im März 1960 zur Nutzung übergeben, und bereits im September des darauffolgenden Jahres wurden in derselben Straße weitere zwei solcher von der zeitgenössischen Presse als „Typ Zounek“ bezeichneten Genossenschaftshäuser mit siebenundzwanzig Wohneinheiten (ebenfalls aus Gussbeton mit Backsteinfüllung, jedoch mit unterschiedlicher Dispositionslösung) fertiggestellt. Im Jahr 1961 befanden sich im Stadteil Žabovřeský in den Straßen Mučednická und Hvězdárenská/Zábranského weitere drei Häuser des gleichen Typs im Bau. Die Absicht, vierundfünfzig Wohneinheiten vom Typ Zounek in der Straße Tábor zu errichten, deren Realisierung durch die Genehmigung des Baus eines Verwaltungsgebäudes der Kreisvereinigung nationaler Betriebe im Bauwesen bedingt war, der die Wohnungen angehören sollten, wurde letztendlich jedoch nicht verwirklicht. Von dem hohen architektonischen Niveau des ersten Brünner experimentellen Baus zeugt auch die Tatsache, dass er nicht nur in den Zeitschriften Architektura ČSR, Československý architekt oder Domov thematisiert sowie in zeitgenössichen tschechoslowakischen Architektur gewidmeten zusammenfassenden Publikationen und sogar in der Betriebszeitschrift der Gesellschaft Pozemní stavby veröffentlicht wurde, in welcher die visuelle Seite von Bauten im Hinblick auf ihre betriebstechnische und politisch-propagandistische Ausrichtung in der Regel übergangen wurde. Die Beschäftigten der Gesellschaft Pozemní stavby Brno nahmen an, dass der Prototyp in die Serienproduktion eingeführt werde, jedoch entsprachen seine Parameter bereits direkt nach seiner Realisierung nicht den geltenden Normen – bei ihm wurden nicht vereinheitlichte Spannweiten von 400 cm verwendet. Die Richtlinien entstanden jedoch erst nachdem die Entwürfe solcher Objekte ausgearbeitet waren, was auch weitere zwei parallel dazu entstehende experiemtelle Bauten betraf: ein Haus aus Gussbeton in Prag –Bubeneč des Architekten Václav Havránek und ein von František Steiner entworfenes Plattenhaus in Hradec Králové.

Name
Experimentelles Wohnhaus

Architekti/ky
Viktor Rudiš, František Zounek

Kode
D194

Typ
Mehrfamilienhaus

Adresa
Vinařská 354, 408 / 24, 42, Brno

Öffentlicher Verkehr
Výstaviště – vstup G2 (TRAM 1)

GPS
49.192945,16.581603

Literatur
Jindřich Chatrný. Experimenty z cihel a betonu v Brně na „nábřeží řeky Svratky“. Brno v minulosti a dnes. 2015. 28. s. 391–424.
Markéta Žáčková. Od „nearchitektury“ k experimentu. Na prahu zítřka. Brněnská architektura a vizuální kultura období socialismu / On the Threshold of Tomorrow. Architecture and Visual Culture in Brno during the Communist Era. 2014. s. 173–184.
Markéta Žáčková. Byl sice jistý plán… Výzkumný ústav výstavby a architektury a experimentální bytová výstavba počátku 60. let 20. století. Sešit pro umění, teorii a příbuzné zóny. 2014. VIII, 17.
Eva Novotná. Jak dál s panelákem? Experimenty v bytové výstavbě z let 1959–1961. Beton: technologie – konstrukce – sanace. 2013. XII, 3.
Jaromír Houdek. Dům z litého betonu. Pozemstav buduje. 1959. VII, 2.
Roman Pochop. Několik poznámek k řešení pokusných bytových domů v Praze, Hradci Králové a Brně. Architektura ČSR. 1960. XIX, 8. s. 520–527.
František Kalivoda. Deset let bytové a občanské výstavby v práci Krajského projektového ústavu v Brně (kat. výst.). Brno, 1958.
Jaromír Houdek. Prototyp z litého betonu. Pozemní stavby. 1960. VIII, 9. s. 464.
Jiří Šála, Milan Machatka. Tepelně technické vady a poruchy panelových budov a jejich sanace. Brno – Praha, 2002.
Oldřich Dostál, Vítězslav Procházka, Josef Pechar. Moderní architektura v Československu. Praha, 1967.
kolektiv autorů. Tady se bude pěkně bydlet!. Pozemstav buduje. 1959. IV, 22.
Jaroslav Doškář. Rozhodný krok vpřed: Stavbaři mají vlastní bytové družstvo. Pozemstav buduje. 1959. VII, 14.
Jaroslav Doškář. Nové domy našich družstevníků. Pozemstav buduje. 1961. IX, 40.
Ervín Trmač. Chcete bydlet?. Pozemstav buduje. 1961. IX, 2.


Prameny
Šárka Svobodová, Masarykova čtvrť, Brněnský architektonický manuál, dostupné z: http://www.bam.brno.cz/stezka/4-masarykova-ctvrt, vyhledáno 11. 11. 2014
Usnesení ústředního výboru Komunistické strany Československa k řešení bytového problému v ČSR do roku 1970, Rudé právo XXXIX, 1959, č. 66, 8. 3., Ústav pro českou literaturu AV ČR. Digitalizovaný archiv časopisů, dostupné z: archiv.ucl.cas.cz/index.php?path=RudePravo/1959/3/8/3.png, vyhledáno 10. 10. 2017.
https://pamatkovykatalog.cz/experimentalni-typovy-dum-v-brne-18340994