„HERstory“. Auf den Spuren der Frauenemanzipation und der feministischen Bewegung in Brünn (1850–1914)
Wussten Sie, dass es Ende des 19. Jahrhunderts in Brünn mehrere Dutzend Frauenvereine gab? Einige setzten sich für die Gleichberechtigung von Frauen ein, andere kümmerten sich um Frauen und Kinder aus ärmeren Familien. Vor allem aber mischten sie sich in die Politik ein!
Die sich rasant entwickelnde Stadt war Heimat einer sozial, konfessionell und national vielfältigen Bevölkerung, die aus dem gesamten Umland Mährens hierherkam, und genau hier bildete sich auch das Hauptzentrum der Frauenbewegung. Deutsche, Tschechinnen, Adlige, Bürgerliche und Arbeiterinnen – die Vielfalt der Vereinsaktivitäten und anderer informeller Frauenaktivitäten hatte vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs ein beträchtliches Ausmaß erreicht. Sie umfasste Initiativen, nicht nur von Frauen aus den höheren Gesellschaftsschichten sondern auch aus dem Mittelstand, der im Übrigen zur Haupttriebkraft der Frauenemanzipation wurde. Angesichts der starken und seit langem entwickelten Arbeiterbewegung gab es hier zugleich eine ausgeprägte Tradition des Engagements von Frauen in der Sozialdemokratie. Die Brünner Aktivistinnen standen nicht nur mit Süd- und Nordmähren, Schlesien und Böhmen in Verbindung, sondern auch mit Wien. Die Stadt wurde so zu einem bedeutenden überregionalen Knotenpunkt für Fraueninitiativen und zum redaktionellen Zentrum mehrerer Frauenzeitschriften.
Warum ein Lehrpfad speziell über Frauen? Diejenigen, die Geschichte schrieben, waren bis vor kurzem vor allem Männer und Sieger. Wahrscheinlich wird deshalb die Perspektive von Frauen, Kindern und Minderheiten in der Geschichtsforschung dauerhaft vernachlässigt. So wurde beispielsweise die Erfahrung von Frauen im tschechischen Kontext erst in den 1990er Jahren zum Gegenstand historischer Forschung. Eine der Autorinnen, die sich entschlossen hat, diese Lücken in der Geschichte zu füllen, ist die Brünner Historikerin Hana Krutílková, die sich mit politischer Geschichte, Geschlechtergeschichte, Frauengeschichte und deren Verflechtungen befasst. Ihre bislang umfangreichste Publikation zu diesem Thema ist das Buch „Disciplinované buřičky: Ženy v politických stranách na Moravě do roku 1914“ (Disziplinierte Rebellinnen: Frauen in politischen Parteien in Mähren bis 1914). Auch dieser Lehrpfad befasst sich mit dem Thema Frauen im öffentlichen politischen Raum am Umbruch vom 19. zum 20. Jahrhundert.
Dieser Lehrpfad ist als „andere Geschichte“ bekannter öffentlicher Gebäude in Brünn konzipiert, an denen wir täglich vorbeigehen, ohne ihre verborgene Geschichte – die „Frauengeschichte“ – zu ahnen. Es handelt sich nicht um einen erschöpfenden Überblick über bedeutende Orte, die mit der feministischen Bewegung in Verbindung gebracht werden können; der Rundgang führt übrigens auch nicht durch die wenigen Straßen, die nach bekannten Brünnerinnen benannt sind. Was das politische Spektrum betrifft, stehen beispielsweise die Bewegungen katholischer, jüdischer und evangelischer Frauen eher im den Hintergrund, doch haben wir uns um eine breitere gesellschaftliche und soziale Perspektive bemüht. Wir glauben, dass es gelingen wird, den Lehrpfad nach und nach zu erweitern – sowohl thematisch als auch zeitlich und räumlich. Geben wir also den neuesten Forschungsergebnissen Raum und ermöglichen wir es, die Brünnerinnen und ihre Bemühungen um die Erlangung gleicher Bürgerrechte wieder sichtbar zu machen.
Die einzelnen Stationen des Lehrpfads führen uns durch viele Themenbereiche. Soziale Unterstützung für arme Mädchen und Frauen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts (Frauenhaus in der Gorkého-Straße), die Anfänge der Sekundar- und Hochschulbildung für Frauen (Entbindungsstation am Obilní trh, Vesna-Heime in der Údolní- und Jaselská-Straße), das Streben nach Gleichberechtigung in allen Lebensbereichen (Besední dům am Komenského-Platz, Kounic-Palast am Žerotín-Platz). Der Rundgang führt uns zudem in die Problematik des Frauenwahlrechts vor 1914 ein (Verfassungsgericht in der Joštova-Straße) oder skizziert die deutsche Frauenbewegung in Brünn, deren Zentrum das Deutsche Haus war, das bis 1945 am Moravské-Platz stand. Die meisten Orte beziehen sich auf die Aktivitäten liberal orientierter Frauen aus der Mittelschicht, doch drei Stationen sind auch Adligen (Adelspalast in der Kobližná-Straße) und Arbeiterinnen (Reduta am Zelný trh, Arbeiterhaus in der Jamborova-Straße in Juliánov) gewidmet.
Hana Krutílková, Moravské zemské muzeum (Mährisches Landesmuseum)
Diese Karte entstand auf der Grundlage der institutionellen Förderung der langfristigen konzeptionellen Entwicklung einer Forschungseinrichtung durch das Kulturministerium (DKRVO, MK000094862).
Name
„HERstory“. Auf den Spuren der Frauenemanzipation und der feministischen Bewegung in Brünn (1850–1914)
Länge
3 km, 1 h
Anzahl der Objekte
10
Beginn der Route
Gorkého 80
Erstes Objekt
Frauenhaus und Sozialdienste für Frauen
GPS
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